Zwangsarbeiterlager

Vor nicht allzulanger Zeit erinnerte ich mich an ein Gespräch mit Erich Riedel. Damals erzählte er mir über Zwangsarbeiterlager in der Friedrichstadt. Was?, dachte ich Zwangsarbeiterlager in der Friedrichstadt.

Dann einige Zeit später fand eine Hängeregistratur aus der IG Historische Friedrichstadt ihren Weg zu mir ins Büro und erzählte weiter Details zu Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern in der Friedrichstadt.

Diese Aktensammlung weckte meine Neugierde tiefer in dieses Thema einzusteigen und ich wurde fündig. Offensichtlich wurden während der letzten Jahre des Deutschen Reiches mehrer tausend Menschen in der Friedrichstadt zur Zwangsarbeit gezwungen. Für das Funkionieren der Kriegswirtschaft wurden aus den „Ostgebieten“ verschleppte Menschen, Kriegsgefangene und Menschen aus Konzentrationslagern ausgebeutet. Sie lebten in Barackenlagern unter unwürdigen Bedingungen und schauten einem ungewissen Schicksal entgegen.

Erschreckend ist, dass nur wenige darüber etwas wissen und dass es keinen Gedenkhinweis an die Lager in diesem Stadtteil gibt, von einem Gedenkort für all die Menschen die in diesen Lagern arbeiten mussten möchte ich gar erst reden.

Bei weiterem Suchen in den Weiten des Internet wurde ich schnell fündig. Auf der Seite des Verein zur Förderung aktiver Zeitgeschichte und Heimatpflege – ZGH e.V. finden sich ausführliche Belege für die Existens und die Lage (fast) aller Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslagern in Dresden.

Hierbei handelt es sich um einen Plan der Baracke TYP RL IV „Sonderausführung A“ der Reichsleitung des Arbeitsdienstes. Die Baracke bietet Platz für 4 Truppen und enthält zusätzlich zwei Zimmer und einen Flur, wie dem Grundriss entnommen werden kann. Der Plan im Maßstab 1:100 enthält eine Längsansicht, eine Giebelansicht sowie einen Grundriss und Querschnitt. Der Reichsarbeitsdienst war eine Organisation im Nationalsozialismus. Er war Bestandteil der Wirtschaft sowie der Erziehung im Dritten Reich.
(Quelle:(Bild: Plan RAD-Baracke TYP RL IV Sonderausführung A, (C) Museum Niesky Forum Konrad-Wachsmann-Haus, Lizenz: CC BY-NC-SA)

Geschichte

Im Zweiten Weltkrieg fehlten der deutschen Kriegswirtschaft massenhaft Arbeitskräfte. Staat und Wirtschaft waren auf den massiven Einsatz von ausländischen Arbeitskräften angewiesen. Aus allen überfallenen Länder wurden Arbeitskräfte nach Deutschland zwangsverpflichtet. Da die Industrie ab 1942 durch die Einberufung fast aller deutscher Männer und die Umstellung auf Kriegswirtschaft noch mehr Arbeitskräfte benötigte kam es zu einem weiteren Anstieg der ausgebeuteten Zwangsarbeitenden in Deutschland. Nur so konnte die Grundversorgung der Bevöllkerung und die Produktion in der Rüstungsindustrie aufrecht erhalten werden.

Im August 1944 arbeiteten sechs Millionen zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, die meisten davon aus Polen und der Sowjetunion. Mehr als ein Drittel davon waren Frauen, einige von ihnen wuren gemeinsam mit ihren Kindern verschleppt, oder gebaren diese in den Lagern. Dazu kamen 1944 fast zwei Millionen Kriegsgefangene als Arbeitende in der deutschen Wirtschaft.

Diese Zahlen steigen noch, wenn wir den Einsatz von Menschen aus den Konzentrationslagern mit einberechnen.

Zwangsarbeiterlager in DD-Friedrichstadt

Belege für die Unterbringung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen finden sich für folgende Orte:

AdresseArt der UnterbringungGrundstücksnutzerBelegung
Behringstraße 24
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Kriegsgefangene
Reichsbahn
Bremer Straße 3-31Fremd- und Zwangsareiter:innen, KriegsgefangeneIndustriebetriebe Stadt Dresden2000-4000
Bremer Straße 18b
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Landesholzgewerbe GmbH
Bremer Straße 24
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
allgemeine Ölhandels GmbH
Bremer Straße 40 Zwangsarbeiter:innenRhenania-Ossag-Mineralölwerke
Friedrichstraße 10/12 (Keglerheim)Fremdarbeiter:innenzerstört
Hamburger Straße 10
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
DREWAG/Stadt Dresden100
Hamburger Straße 12
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
DREWAG/Stadt Dresden
Hamburger Straße 14
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Seidel und Naumann/Stadt Dresden
Hamburger Straße 25/26Fremdarbeiter:innenSeidel und Naumann/Stadt Dresdenüber 200
Hamburger Straße 28Fremdarbeiter:innenLand Sachsen/Agesto Kohlesäure Werke GmbH
Hamburger Straße 30/32
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Papier und Textilverwertungs GmbH Lager
Hamburger Straße 30/32
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Deutsche Reichspost
Hamburger Straße 32/34
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Deutsche Reichspost
Hamburger Straße 36
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Land Sachsen/Alfred Wermicke Werke
Hamburger Straße 38
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Land Sachsen/ Eisenwerk Clemens Steuer Lager
Hamburger Straße 60Fremdarbeiter:innenA.Hanitsch
Hamburger Straße 1-55
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Kriegsgefangene
Reichsbahn100
Löblatuer Straße 64
Fremd- und Zwangsarbeiter:innen
Kriegsgefangene
Arbeitsgemeinschaft DAF Eisen und Metall400
Schlachhofring 5/7Vetriebene, Zwangsarbeiter:innen,
Krieggefangene
Stadt Dresden750
Waltherstraße 26Zwangsarbeiter:innenSeidel und Naumann13
Waltherstraße 27KriegsgefangeneSeidel und Naumann400
Wachsbleichstraße 99(69) KriegsgefangeneDeutsches Reich
Wachsbleichstraße 6VetriebeneStadt Dresden /Deutsches Reich
Quelle: zghev.de
Der Montageplan zur Abortbaracke TYP RL Xa im Maßstab 1:50 wird auf den 24.11.1936 datiert. Das Urheberrecht an diesen Zeichnungen oblag der Reichsleitung des Arbeitsdienstes. Der Plan enthält neben einer Längsansicht, eine Giebelansicht, einen Langsschnitt und Querschnitt sowie einen Grundriss. Beim Reichsarbeitsdienst (RAD) handelte es sich um eine Organisation im Nationalsozialismus mit einer wirtschaftlichen sowie einer erzieherischen Aufgabe.
(Bild: Montageplan zur Abortbaracke RL Xa, Museum Niesky Forum Konrad-Wachsmann-Haus [CC BY-NC-SA])

Und heute?

Kaum etwas errinnert heute noch im Straßenbild der Friedrichstadt an all die menschlichen Schicksale aus dieser Zeit in unserem Stadtteil.

Die Baracken sind noch an vielen Orten zu entdecken

Es gibt Pläne an der Bremer Straße eine Erinnerungstafel an zubringen und auf diesem Wege an das Schicksal der 2000-4000 Menschen zu erinnern. Wie viele Menschen das große Lager an der Bremer Straße 3-31 überlebt haben ist leider kaum bekannt. Bekannt ist aber, dass auf dem Friedhof gegenüber einige der Menschen aus diesem Lager begraben wurden.

Wer zur Finanzierung eines Gedenkplatzes für diese Menschen beitragen möchte, kann sich unter redaktion@friese-journal.de melden.

Buchtipp

In seinem Buch „Slaughterhouse-Five or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death“ beschreibt der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut Erlebnisse während seiner Kriegsgefangenschaft aus dem Februar 1945 im Städtische Vieh und Schlachthof Dresden.

und Walter Wießner, Zwangsarbeiter in Dresden, eine Wissenschaftliche Publikation von 2004.

Titelbild: pixabay

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3 thoughts on “Zwangsarbeiterlager

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