Ist das Kunst oder muss der Wagen so?

Beim Lidl an der Behringstraße stehen Einkaufswagen Kopf. Die Kunstwelt hätte dafür gleich mehrere Erklärungen.

Diese Woche fuhr ich am Lidl vorbei und dachte, ich sehe nicht richtig. Am Rand des Parkplatzes standen mehrere Einkaufswagen hochkant. Sie reckten ihre Rollen in den Himmel und präsentierten ihre Unterseite, die Kundinnen und Kunden sonst höchstens nach einem Zusammenstoß mit dem Bordstein sehen.

Einkaufswagen Behringstraße löbtauerstraße am Lidl Parkplatz
Beim Lidl stehen Einkaufswagen hochkant

Ein umgekippter Einkaufswagen wäre ein Missgeschick. Eine ganze Reihe wirkt dagegen wie ein Konzept.

Was wollen uns die Wagen sagen? Protestieren sie gegen die steigenden Lebensmittelpreise? Fordern sie mehr Wertschätzung für ihre tägliche Arbeit?

Für das Werk bieten sich mehrere Titel an. „Konsum auf der Kippe“ wäre möglich. Auch „Der letzte Einkaufschip“ oder „Warenverkehr in Rückenlage“ hätten gute Chancen auf einen Platz im Ausstellungskatalog.

Von Duchamp bis zum Lidl-Parkplatz

Ganz abwegig ist der Kunstverdacht nicht. Marcel Duchamp erklärte schon 1917 einen gewöhnlichen Alltagsgegenstand zum Kunstwerk. Er stellte ein Urinal in einen neuen Zusammenhang, nannte es „Fountain“ und erschütterte damit die Kunstwelt. Solche ausgewählten Gegenstände bezeichnete er als Readymades. Das San Francisco Museum of Modern Art zählt „Fountain“ bis heute zu den Werken, die unsere Vorstellung von Kunst grundlegend herausfordern.

Duchamp brauchte ein Urinal. In Friedrichstadt genügen offenbar fünf Einkaufswagen und ein Lidl-Parkplatz.

Noch besser passt Banksy. In seinem Werk „Trolley Hunters“ schleichen drei Steinzeitjäger mit Speeren auf eine Gruppe leerer Einkaufswagen zu. Das Bild verspottet unsere Konsumgesellschaft und die Abhängigkeit vom modernen Warenangebot. Sotheby’s beschreibt das Werk als Satire auf Konsum, Kapitalismus und globale Lieferketten.

Der Vergleich liegt derzeit besonders nahe, denn die nicht von Banksy autorisierte Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ im Erlwein Capitol auf dem Ostra-Areal wurde bis zum 4. Oktober 2026 verlängert

An der Behringstraße brauchen die Jäger allerdings nicht mehr anzutreten. Die Beute hat sich bereits ergeben und liegt mit erhobenen Rollen am Boden.

Auch der amerikanische Künstler Duane Hanson beschäftigte sich mit der Welt des Einkaufens. Seine lebensgroße „Supermarket Lady“ aus dem Jahr 1970 schiebt einen prall gefüllten Einkaufswagen vor sich her. Das Ludwig Forum Aachen zählt die Figur zu den zentralen Motiven des Künstlers. Beim Lidl in Friedrichstadt fehlen nur noch die Kundin und der Einkauf. Vielleicht haben sich die Wagen von beiden emanzipiert.

Der Hausmeister stellte die Einkaufswagen hochkant, um die Fugen freizukratzen.
Der Hausmeister stellte die Einkaufswagen hochkant, um die Fugen freizukratzen.

Der Hausmeister als Performancekünstler

Beim zweiten Blick erkenne ich, dass ein Mann zwischen den hochkant gestellten Wagen arbeitet. Beim näheren Hinsehen löst sich das Rätsel. Der Hausmeister kratzt die Fugen zwischen den Pflastersteinen frei.

Aus der vermeintlichen Installation wird ganz gewöhnliche Parkplatzpflege. Wobei das geduldige Kratzen durchaus etwas Meditatives besitzt. Fuge für Fuge, Stein für Stein, während ringsum die Einkaufswagen Kopf stehen. Andere besuchen dafür einen Achtsamkeitskurs.

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