Am Sonntagabend (20. September 2026) begann für die Menschen jüdischen Glaubens ihr höchstes Fest. Jom Kippur, der Tag der Sühne oder der Versöhnungstag.
Anders als die meisten jüdischen Feiertage erinnert Jom Kippur an kein bestimmtes historisches Geschehen. Er ist ein Tag vollkommener Ruhe, der Umkehr und der Versöhnung.
Nichts essen, nichts trinken, keinen Sex, unbequeme Schuhe aus Kunststoff und ein Tag voller Gebete – so stellt man sich den wichtigsten Feiertag einer Religion normalerweise nicht vor. Doch genau darum geht es an Jom Kippur: um Schuld, Einsicht und Vergebung. An diesem Tag sucht der Mensch die Aussöhnung mit Gott und mit seinen Mitmenschen. Ernst ist der Tag, traurig aber nicht – deshalb trägt man traditionell Weiß als Farbe der Reinheit.
Untersagt sind an diesem Tag:
- Essen und Trinken
- Waschen
- das Einreiben mit duftenden Ölen
- Geschlechtsverkehr
- das Tragen von Lederschuhen

Rund 25 Stunden zwischen zwei Sonnenuntergängen
Der Feiertag erstreckt sich über einen vollen Tag, also etwa 25 Stunden Gebet und Fasten – wobei sich das Fasten auf Speisen und Getränke bezieht. Gläubige verbringen den größten Teil dieser Zeit in der Synagoge; der Gottesdienst zieht sich in allen Gemeinden durch den ganzen Tag. Selbst viele, die religiöse Vorschriften sonst eher locker handhaben, fasten an Jom Kippur und besuchen die Synagoge. In Israel stellen Radio und Fernsehen ihr Programm für 26 Stunden ein, und auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs.
Ein Bekenntnis, das alle gemeinsam sprechen
„Wir waren überheblich, wir haben Böses getan, wir haben gestohlen …“ – in der Synagoge wird mehrfach am Tag eine lange Aufzählung möglicher Verfehlungen vorgetragen, und um Vergebung gebeten wird für sie alle, unabhängig davon, ob der Einzelne sie tatsächlich begangen hat. Manch einem Katholiken dürfte diese Form entgegenkommen: kein Beichtstuhl, kein Vieraugengespräch mit einem Geistlichen, sondern ein Bekenntnis, das die Gemeinschaft gemeinsam ablegt. Einig sind sich jüdische und christliche Tradition allerdings darin, dass Bekenntnis und Fasten ohne echte Reue wertlos bleiben.
Vom Sündenbock zum Sündenhuhn
Nach der Tora durfte der Hohepriester nur an Jom Kippur das Allerheiligste des Tempels betreten, um stellvertretend für das ganze Volk Vergebung zu erlangen. Einem Widder wurden die Verfehlungen aller symbolisch aufgeladen, bevor man ihn in die Wüste trieb.
In manchen orthodoxen Kreisen hat sich ein verwandter Brauch erhalten: Am Vorabend des Feiertags schwingt man ein lebendes Huhn dreimal über dem Kopf, damit es die Schuld des vergangenen Jahres auf sich nimmt.

Nach der Buße kommt die Freude
Wie schon Rosch ha-Schana klingt auch Jom Kippur mit dem Klang des Schofars aus. Ist der Abend da und die Synagoge verlassen, beginnt man mit dem Bau der Laubhütte für Sukkot, das vier Tage später ansteht – und dann wird eine Woche lang ausgiebig gefeiert.
