Manchmal merkst du erst beim Konzert, wie wichtig gutes Hören ist. Die Band steht in der Rinne oder am Elbufer auf der Bühne, alle um einen herum singen begeistert mit, und du selbst fragst dich, ob gerade der Refrain läuft oder schon die Zugabe. Spätestens wenn deine Freunde anfangen, wichtige Sätze auf Bierdeckel zu schreiben, wird es Zeit, über einen Hörtest nachzudenken.

Noch deutlicher wird es, wenn das Konzert längst vorbei ist, im Ohr aber immer noch derselbe Ton spielt. Kein Bass oder Gitarre, sondern nur ein feines Pfeifen, das sich nicht verabschieden möchte. Dann könnte Tinnitus im Spiel sein. Und genau dafür gibt es in der Friedrichstadt einen Ansprechpartner, der nicht nur Hörgeräte anpasst, sondern sich auch mit Ohrgeräuschen, Gehörschutz und individuellem Hören auskennt.
Heute traf ich Henry Thiemann neben der Ballsporthalle am Hörbus. Er ist Hörakustikmeister. Sein Geschäft befindet sich derzeit auf der Friedrichstraße 28. Anfang 2027 zieht er eine Hausnummer weiter, in die Friedrichstraße 30. Dort entsteht ein neuer Laden im erweiterten Kinderzentrum. Für die Friedrichstadt bleibt er also erhalten.
Hören ist mehr als ein Hörgerät
„Wer bei Hörakustik zuerst an ältere Menschen und kleine Geräte hinter dem Ohr denkt, liegt nicht völlig falsch, aber eben auch nicht richtig.“ erklärt Henry Thiemann. Er arbeitet seit über 30 Jahren in seinem Beruf und bietet nicht nur Hörgeräte an. In seinem Geschäft geht es um Hören, Verstehen und Schützen.
Ein wichtiger Unterschied ist, dass er nach eigener Aussage mit allen Herstellern arbeitet. „Viele Anbieter haben sich auf bestimmte Marken spezialisiert.“ Thiemann möchte breiter auswählen können. Das klingt im ersten Moment fast wie eine Speisekarte mit 200 Gerichten, was selten Vertrauen schafft. In der Hörakustik ist die Auswahl allerdings überschaubarer. Es gibt nicht unendlich viele große Anbieter, sondern eher eine begrenzte Zahl von Herstellern. Für Kundinnen und Kunden kann das ein Vorteil sein, weil die Lösung besser zum Ohr, zum Alltag und zum Budget passen soll.
Vom Schlafschutz bis zum Kopfhörer
Ein großer Teil seiner Arbeit hat mit individuellem Gehörschutz zu tun. Dafür nimmt Henry Thiemann Abdrücke vom Ohr. Daraus können später ganz unterschiedliche Dinge entstehen, zum Beispiel angepasster Gehörschutz, Schlafschutz oder spezielle Kopfhörer.
Das ist besonders praktisch, weil Ohren so unterschiedlich sind wie Gesichter. Wer nachts auf der Seite schläft, braucht keinen harten Stöpsel, der drückt. Wer an einer lauten Maschine arbeitet, braucht keinen kompletten Klangdeckel, sondern einen Schutz, der Lärm reduziert und Sprache trotzdem noch durchlässt oder wer Musik liebt, möchte vielleicht nicht weniger hören, sondern besser geschützt hören.
„Bei uns geht es eigentlich rund ums Hören, Verstehen und Schützen.“
Gerade in einer Stadt, in der Konzerte, Baustellen, Straßenverkehr und Alltag oft dicht beieinander liegen, ist das kein Nebenthema. Gutes Hören bedeutet nicht immer, alles lauter zu machen. Manchmal bedeutet es, genau das Richtige leiser zu machen.
Wenn der Pfeifton bleibt
Besonders wichtig ist Henry Thiemann das Thema Tinnitus. Viele Menschen, die mit Hörproblemen zu tun haben, kennen auch Ohrgeräusche. Manche hören ein Pfeifen, andere ein Rauschen, Summen oder Brummen. Manchmal tritt Tinnitus zusammen mit einer Hörminderung auf, manchmal steht er allein im Vordergrund.

Humor hilft beim Erzählen, aber für Betroffene kann das Thema belastend sein. Wenn das Konzert im Ohr weitergeht, obwohl längst alle nach Hause gegangen sind, ist das ein nerviger Soundtrack. Dann kann ein Gespräch mit einem Fachmann helfen, die Situation einzuordnen und passende Möglichkeiten zu besprechen.
Henry Thiemann hat sich auf dieses Thema spezialisiert. Das macht sein Geschäft in der Friedrichstadt nicht nur zu einem Ort für Hörgeräte, sondern auch zu einer Anlaufstelle für Menschen, die mit Geräuschen im Ohr leben.
Ein Hörbus in der Friedrichstadt
Für kurze Zeit war Henry Thiemann außerdem mit einem Hörbus unterwegs. Der Bus gehört zu einer größeren Firma mit zahlreichen Filialen in Deutschland und der Schweiz. Er wird von Standort zu Standort weitergegeben und war nun auch in der Friedrichstadt im Einsatz.

Dieser Bus ist ein Kracher und funktioniert, wie ein komplettes Ladengeschäft. Im Inneren befinden sich eine schallisolierte Hörkabine, und dazu eine kleine Werkstatt. Damit lassen sich Hörtests und Beratungen direkt vor Ort anbieten.
Die Idee dahinter ist naheliegend. Wenn Menschen nicht zum Hörtest kommen, könnte der Hörtest zu den Menschen kommen. Thiemann denkt sogar darüber nach, ob man mit so einem Bus eine Art mobile Filiale betreiben könnte, ähnlich wie Bäckerwagen, die regelmäßig in Dörfer fahren. Für die Friedrichstadt war der Besuch allerdings nur kurz. Danach musste der Bus weiter nach Leipzig.
Warum passt die Friedrichstadt für dich?
Henry Thiemann kennt Dresden seit vielen Jahren. „Die Friedrichstadt ist für mich ein Stadtteil, der sich spürbar entwickelt hat. Die Lage ist praktisch für mich und hier ist es sehr lebendig, Außerdem ist die Elbe nah, die Innenstadt ebenfalls. Dazu kommen Bus, Bahn und Einkaufsmöglichkeiten. Für mich ist das ein Standort, der Freude macht.

Auch geschäftlich passt die Gegend. Das Krankenhaus Friedrichstadt liegt in der Nähe, ebenso medizinische Praxen. Für einen Hörakustiker ist das nicht unwichtig. Menschen, die medizinische Hilfe suchen, brauchen oft auch Beratung rund ums Hören.
Gleichzeitig ist die Friedrichstadt im Wandel. Es wird gebaut, neue Menschen ziehen zu, die Mieten steigen leider auch. Das ist nicht nur positiv, aber es zeigt, dass der Stadtteil wahrgenommen wird. Für kleine Fachgeschäfte wie meins, kann diese Entwicklung eine Chance sein, wenn sie nicht austauschbar sind.“
Ein Ohr für den Stadtteil
Henry Thiemann bietet in der Friedrichstadt etwas an, das viele erst bemerken, wenn es fehlt. „Gutes Hören erleichtert Gespräche, macht Musik zum Genuss und den Alltag entspannter. Es schützt aber auch vor Überlastung. Wer viel Lärm ausgesetzt ist, sollte seine Ohren nicht erst dann ernst nehmen, wenn sie sich mit einem Dauerpfeifen melden.“
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft aus unserem Interview. Hörakustik ist kein Thema für irgendwann. Sie beginnt mitten im Leben, beim Konzert, im Beruf, nachts im Schlafzimmer oder beim Gespräch mit Freunden. Und manchmal reicht schon ein Termin in der Friedrichstraße, damit aus einem unklaren Rauschen wieder ein verständlicher Alltag wird.
