Birdwatching liegt im Trend. In der Seminarstraße liefert die Lachmöwe dazu nachts eine kleine Horrorshow.
Friedrichstadt für Vogelfreunde
Ornithologie hat ihr angestaubtes Image abgestreift. Auf TikTok erzielen Birdwatching-Videos Millionenaufrufe. Junge Leute richten Kameras auf Futterhäuschen, erkennen Vogelstimmen mit dem Handy und führen digitale Artenlisten.
Wem die Lachmöwe in seinem persönlichen Sammelalbum der Ornithologie fehlt, kommt nachts einfach in die Seminarstraße. Dort gibt es Birdwatching mit bestem Hitchcock-Flair.
Erst kommt die Glut, dann folgt der Grusel
Die Sommerhitze steckt abends noch in den Häusern, dein Schlafzimmer fühlt sich an, wie ein Backofen, dann öffnest du das Fenster. Zuerst hört man nur einen einzelnen Ruf. Kurz darauf antwortet die nächste Möwe. Dann kreischen mehrere Vögel gleichzeitig über den Dächern. Ihre Stimmen dringen durch die offenen Fenster und schneiden durch die Nacht. Das klingt, als kämen sie gleich. Die Vögel!
Die Vögel in der Seminarstraße
Die Möwen ziehen am Abend aus Richtung Elbe in die Friedrichstadt. An der Seminarstraße haben sie einen besonders eindrucksvollen Platz entdeckt. Dort ragt ein großer Baukran über die Häuser.
Am Tag bewegt der Kran Baumaterial. Nachts liefert er die Kulisse für einen Gruselfilm.
Sein Ausleger leuchtet rot in den dunklen Himmel. Die Möwen landen auf den Stahlstreben und besetzen ihre Plätze. Erst sitzt dort eine. Dann fünf. Bald reiht sich Vogel an Vogel. Der Kran verwandelt sich in eine lautstarke Möwen-Wohngemeinschaft ohne Hausordnung. Wer unten am geöffneten Fenster liegt, denkt immer wieder: Jetzt kommen sie wirklich.

Hitchcock braucht keine Filmmusik
Alfred Hitchcock ließ in seinem Film „Die Vögel“ aus dem Jahr 1963 zunächst einzelne Vögel auftauchen. Dann sammelten sich immer mehr. Schließlich griffen sie die Menschen an.
Die Möwen an der Seminarstraße kennen offenbar den Aufbau des Films. Erst sammeln sie sich. Dann machen sie Lärm. Danach herrscht plötzlich Stille. Gerade diese Stille verursacht Gänsehaut.
