Baden in der Friedrichstadt – vom Feldscher bis zum Volksbad

Die Friedrichstadt war nie das Viertel der großen Prachtbäder. Aber sauber werden, das konnten die Menschen hier schon früh. Baden war Alltag, Notwendigkeit und manchmal auch ein kleiner Luxus. Ein Streifzug durch die Badekultur der Friedrichstadt zeigt, wie eng Hygiene, Stadtentwicklung und soziale Fragen miteinander verbunden waren.

Die Badergasse – wo alles anfing

Die heutige Seminarstraße hieß früher Badergasse. Der Name kam nicht von ungefähr. Hier befand sich bereits im 17. Jahrhundert eine private Badeanstalt, eine sogenannte Baderei. Sie gehörte dem Feldscher Johann Meyer und wurde 1678 erstmals urkundlich erwähnt.

Feldscher – auch Feldschöre genannt – waren so etwas wie die Allround-Mediziner ihrer Zeit. Sie versorgten Wunden, führten kleinere chirurgische Eingriffe durch und betrieben oft Badeanstalten. Baden hatte damals nicht nur mit Körperpflege zu tun, sondern galt als Teil medizinischer Behandlung. Die Baderei von Johann Meyer prägte die Gasse über Generationen hinweg.

Seminarstarße Schulmuseum und grundschule
Blick in die Seminarstraße

Von der Badergasse zur Seminarstraße

1840 bekam die Straße einen neuen Namen: Seminarstraße. Grund war das erste sächsische Lehrerseminar, das hier von 1788 bis 1866 stand. Der neue Name verdrängte die alte Badetradition sprachlich – aus dem Viertel verschwand sie aber nicht.

Ein Tempel der Sauberkeit

Der Ruß der Fabrikschlote hängt schwer über der Stadt. Mit der Industrialisierung wächst das Stadtviertel rasant. Menschen wohnen in engen Mietskasernen. Ein eigenes Badezimmer? In dieser Zeit für die meisten ein ferner Traum. Wer sich waschen wollte, musste zum hölzernen Zuber in der Küche greifen, das Wasser wurde von Pumpen an der Straße geholt und mühsam auf dem Herd erwärmt, geteilt mit der ganzen Familie.

Doch im Jahr 1903 änderte sich der Alltag in der Vorwerkstraße 14 grundlegend. In der Friedrichstadt entstand ein öffentliches Volksbad.

Früheres Volksbad (1903–1945)

  • Standort: Vorwerkstraße 14
  • Nutzung: öffentliches Reinigungsbad
  • Ende: Zerstörung bei der Bombardierung Dresdens 1945
Kartenausschnitt Dresden 1911 Städtisches Volksbad Vorwerkstraße
Das erste Städtische Volksbad-Friedrichstadt befand sich auf der Vorwerkstraße

Dieses Volksbad war Teil einer städtischen Strategie, Hygiene für breite Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen – vor allem für Menschen ohne eigenes Bad in der Wohnung. Das Volksbad war kein Ort für Wellness oder Müßiggang, sondern ein echtes Reinigungsbad. In den Brause- und Wannenzellen schrubbten sich die Fabrikarbeiter den öligen Schmutz des Tages ab, während Hausfrauen und Kinder die seltene Wärme genossen.

Das abrupte Ende im Feuersturm

Über vier Jahrzehnte lang war das Bad ein fester Ankerpunkt im Viertel. Der Krieg beendete diese erste Phase abrupt. Als die Bomben auf Dresden fielen, blieb auch die Vorwerkstraße nicht verschont. Wo einst Dampf aus den Fenstern quoll und Menschen erfrischt ins Freie traten, blieben nach der Bombardierung nur noch rauchende Trümmer zurück.

1945 wurde das Volksbad zerstört. Die schwarzen Flächen sind 1945 Totalschaden
1945 wurde das Volksbad zerstört. Die schwarzen Flächen sind 1945 Totalschaden

Der Neubau an der Seminarstraße 3

Fast 20 Jahre später kehrte das Baden zurück. Nach dem Krieg blieb der Bedarf in den unsanierten Altbauten hoch. Es dauerte jedoch bis zum Anfang der 1960er Jahre, bis ein moderner Ersatz realisiert wurde. Entworfen von der Architektin Sibylle Kriesche, entstand an der Seminarstraße 3 ein funktionaler Neubau.

Eingangsbereich Volksbad Friedrichstadt an der Seminarstraße Foto: Ray von Zeschau
Eingangsbereich Volksbad Friedrichstadt an der Seminarstraße Foto: Ray von Zeschau

Der Weg dorthin war jedoch steinig. Ursprünglich für die Adlergasse geplant, wurde das Gebäude schließlich auf der Seminarstraße errichtet. Während der zweijährigen Bauzeit gab es Schwierigkeiten mit „Projektmängeln“ und neuen Brandschutzverordnungen bezüglich abgehängter Decken. Die geplanten 488.000 DM reichten bei weitem nicht aus. Am Ende schlug der Bau mit rund 560.000 DM zu Buche.

Am 9. Januar 1964 wurde das Bad feierlich eingeweiht. Es bot eine klare Struktur: Frauen wuschen sich im Erdgeschoss, Männer im Obergeschoss. Mit 19 Wannen- und 14 Brausebädern sowie einem großen Massenduschraum für 15 Personen war es modern ausgestattet, inklusive Haartrocknern und Belüftungsanlage.

Besonders spannend aus heutiger Sicht war die Preisgestaltung. Ein Wannenbad kostete den Bürger lediglich 35 Pfennige, eine Dusche 15 Pfennige. Da die tatsächlichen Betriebskosten doppelt so hoch waren, subventionierte der Staat jede Wäsche zu 100 % . Hygiene war ein politisch gewolltes Grundrecht.

Für viele Bewohner:innen der Friedrichstadt war das Volksbad fester Bestandteil des Wochenrhythmus.

Abriss Volksbad Dresden Friedrichstadt
Abriss Volksbad Dresden-Friedrichstadt foto: Ray von Zeschau 2005

Das Ende der Volksbäder

Mit der Sanierung der Altbauten und dem Einzug moderner Badezimmer in jede Wohnung verlor das Volksbad nach der Wende an Bedeutung. Im April 2005 wurde das Gebäude an der Seminarstraße schließlich abgerissen. Heute erinnern nur noch die Chroniken an die Zeit, als der Gang zum Baden ein wöchentliches Ereignis im Viertel war.

Heute erinnert vor Ort nichts mehr an das Bad. Stattdessen steht dort ein moderner Wohnbau. Die Funktion des Ortes hat sich komplett verändert.

Das „Wellenwunder“ von 1969

Doch während das neue Volksbad an der Seminarstraße 1964 noch ganz im Zeichen der reinen Körperhygiene stand, kündigte sich nur wenige Gehminuten entfernt eine kleine Revolution an.

Fast zeitgleich mit der Eröffnung des Wannenbads an der Seminarstraße im Jahr 1964 wuchs am Freiberger Platzd die Springerhalle empor. Mit ihren gewaltigen Glasfronten und der modernen Stahlkonstruktion wirkte sie wie ein Versprechen auf eine neue Zeit. Allerdings war diese dem Leistungsport vorbehalten.

Damals galt sie als die modernste Anlage ihrer Art in ganz Europa. Ursprünglich war die Front zum Platz hin komplett verglast. Passanten konnten von draußen zusehen, wie die Athleten durch die Luft wirbelten. Später wurde dies durch eine Tribüne ergänzt, was den Blick von außen leider versperrte. Ingrid Krämer, die berühmte Dresdner Olympiasiegerin im Wasserspringen trainierte hier und ist bis heute als Bronzefigur auf dem Gelände präsent.

Springerhalle mit ihren gewaltigen Glasfronten und der modernen Stahlkonstruktion

Der eigentliche Paukenschlag folgte im Oktober 1969. Die große 50-Meter-Schwimmhalle am Freiberger Platz wurde eingeweiht. Mit ihrem kühnen, geschwungenen Dach, das wie eine steinerne Welle über dem Becken schwebte, brachte den Glanz der weiten Welt in das Arbeiterviertel.

Das Markanteste ist die geschwungene Dachkonstruktion der 1969 eröffneten Halle. Es handelt sich um ein sogenanntes Seilhängedach. Anstelle schwerer Säulen im Innenraum wird das Dach von Spannstählen getragen, die wie bei einer Hängebrücke gespannt sind. Das ermöglichte eine riesige, säulenfreie Fläche über dem 50-Meter-Becken. Es sieht von außen aus wie eine steinerne Welle und verleiht der Halle eine Leichtigkeit, die damals absolut revolutionär war. Seit 2008 steht dieser Bau deshalb unter Denkmalschutz.

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Architektur, die sie zu einem Wahrzeichen der DDR-Moderne wurde

Statt der Trennung nach „Frauen im Erdgeschoss“ und „Männern im Obergeschoss“, wie es im Volksbad üblich war, herrschte hier nun das Miteinander. Kinder lernten ihre ersten Schwimmzüge, und nach Feierabend sprangen die Arbeiter nicht mehr nur unter die Brause, um den Schmutz loszuwerden, sondern zogen ihre Bahnen, um den Kopf freizubekommen.

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