Plattenfrust: Erst Beschwerden, dann Randale?

Erst begehrter Wohnraum, später Problemviertel. Die Plattenbausiedlungen im Osten haben einen krassen Imagewandel hinter sich. Doch wie wurde aus der sozialistischen Wohnutopie ein Ort, an dem sich nach 1990 für viele Jugendliche Frust und Perspektivlosigkeit breitmachten?

Am Dienstag, 13. Oktober 2026, um 18 Uhr diskutieren der Zeithistoriker Johannes Schütz und der Filmemacher Nils Werner im Stadtmuseum Dresden über den Alltag in den DDR-Großsiedlungen und die gesellschaftlichen Brüche nach der Wiedervereinigung.

Löbtauer Straße / Schäferstraße Plattenbau
Wie veränderte die Wende das Leben in ostdeutschen Plattenbausiedlungen?

Wenn die Heizung streikt, schreibt man eine Eingabe

Wer in der DDR Probleme mit seiner Wohnung hatte, konnte sich mit einer sogenannten Eingabe an staatliche Stellen wenden. Ob kaputte Heizung, Baumängel oder fehlende Versorgung, die Bürger versuchten auf diesem Weg, Missstände zu beheben.

Die Veranstaltung zeigt, wie diese Eingabenkultur funktionierte und was sie über das Leben in den Plattenbausiedlungen verrät.

Nach 1990 änderte sich vieles. Betriebe schlossen, Arbeitsplätze verschwanden und bisherige Sicherheiten brachen weg. Besonders Jugendliche erlebten den gesellschaftlichen Umbruch mitunter als Verlust von Perspektiven. In einigen Milieus wuchsen Gewaltbereitschaft und rechtsextreme Strukturen.

Doch warum radikalisierten sich junge Menschen? Welche Rolle spielten enttäuschte Hoffnungen und gesellschaftliche Veränderungen? Und wie prägte diese Zeit das Bild ganzer Wohnviertel?

Zwei Männer, zwei Blicke auf die Nachwendezeit

Johannes Schütz forscht als Zeithistoriker an der TU Dresden und am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Er beschäftigt sich mit dem DDR-Alltag und der Entstehung rassistischer Gewaltstrukturen während der ostdeutschen Transformationszeit.

In seinem 2026 erschienenen Buch „Heimat als soziale Praxis“ untersucht er das Alltagshandeln in Sachsen zwischen 1969 und 2000.

Nils Werner nähert sich dem Thema mit der Kamera. Der Regisseur und Drehbuchautor arbeitet an Dokumentarfilmen für ARD und MDR. In „Generation Crash – Wir Ost-Millennials“ und „Hoyerswerda ’91“ beschäftigt er sich mit den Erfahrungen junger Ostdeutscher nach der Wende.

Filmbeiträge ergänzen das Gespräch und holen die damaligen Lebenswelten auf die Leinwand.

Mehr als eine Debatte über die Platte

Das Gespräch begleitet die Ausstellung „Platte OST / WEST“ im Stadtmuseum Dresden. Sie beschäftigt sich mit den Großwohnsiedlungen, die einst modernen Wohnkomfort versprachen und später oft zum Sinnbild gesellschaftlicher Probleme wurden.

Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn die Geschichte der Plattenbauten erzählt nicht nur von Architektur und Wohnungsbau, sondern auch von Menschen, ihren Erwartungen und den politischen Umbrüchen, die ihren Alltag veränderten.

Unser Tipp: Wer selbst in einer Plattenbausiedlung aufgewachsen ist, die DDR noch erlebt hat oder die Nachwendezeit besser verstehen möchte, bekommt hier unterschiedliche Perspektiven. Auch für jüngere Dresdner lohnt sich der Abend, denn viele Debatten über Ostdeutschland haben ihre Wurzeln in dieser Zeit.

Die Veranstaltung auf einen Blick

Was: „Plattenfrust: Von DDR-Eingaben zu Rap und Randale nach 1990“

Wann: Dienstag, 13. Oktober 2026, 18 Uhr

Wo: Stadtmuseum Dresden, Landhaus

Mit: PD Dr. Johannes Schütz und Nils Werner

Programm: Gespräch mit Filmbeiträgen

Veranstalter: Museen der Stadt Dresden

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