Die Kleingartenanlage Menageriegärten blickt auf 110 Jahre bewegter Geschichte mit schönen und aufregenden Zeiten zurück.
Der Anfang
Das Jahr 1916 brachte eine außergewöhnlich schlechte Kartoffelernte hervor, wodurch der sogenannte Kohlrübenwinter große Notzeiten auslöste. In dieser Phase wurde jedes verfügbare Stück Land genutzt, um Kohlrüben anzubauen. Dies führte dazu, dass kleinere Teile des Areals auch für Schrebergärten verpachtet wurden. Zwei Gebäude am Eingang des Geländes wurden zu Wohnzwecken freigegeben.
Zu den ersten Bewohnern gehörte die Familie Krahl, deren Nachfahrin Ursula Spahn später als Zeitzeugin diese historischen Ereignisse für die Chronik des Menageriegärten e.V. weitergab.
Die historischen Dokumente belegen eindrucksvoll, dass die Mietpreise für ein Gebäude des Vorwerks nach dem Ersten Weltkrieg während der Inflationszeit auf astronomische 57 Billionen Mark anstiegen.
Im Jahr 1917 wurde der bis dahin betriebene Milchviehwirtschaftsbetrieb eingestellt, wodurch die landwirtschaftliche Nutzung des letzten Flurstücks des Vorwerks endete. Dieses Areal wurde anschließend von einer Lager- und Transportgesellschaft übernommen und im Zuge der zunehmenden Industrialisierung überbaut.
Das Grundstück ging später in den Besitz der Stadt über, nachdem Friedrich August III., der letzte König von Sachsen, am 13. November 1918 abdankte.
Im Jahr 1920 wurden Fotografien angefertigt, die vom Turm der Marienkirche aus aufgenommen wurden. Diese Bilder zeigten, dass auf dem ehemaligen Gelände der Menagerie zwar noch keine größeren Obstbäume wuchsen, jedoch bereits zahlreiche kleine Gartenlauben entstanden waren.

Für Menschen, die während der Kriegsjahre einen eigenen Garten besaßen, bedeutete dies nicht selten eine große Erleichterung. Der Eigenanbau von Obst und Gemüse trug dazu bei, zumindest einen Teil des Nahrungsbedarfs zu decken.
Kriege
Nach der katastrophalen Zeit des Ersten Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise und der Hyperinflation fand Deutschland jedoch keinen Frieden. Es begann eine Ära voller Propaganda, Massenbewegungen und einen weiteren Krieg.
Die Angriffe auf Dresden trafen auch die Kleingärten. Die benachbarte Fabrik erlitt erhebliche Schäden durch direkte Treffer; während einige Gebäude gerettet werden konnten, mussten andere vollständig neu aufgebaut werden. Der Friedhof sowie umliegende Gärten waren von Kratern durchzogen und von Trümmern übersät. Trotz dieser verheerenden Zustände mobilisierten die Menschen ihre Kräfte und begann mit dem langsamen Wiederaufbau der Stadt und auch der Kleingärten.
Unmittelbar nach Kriegsende herrschte ein akuter Mangel an Lebensmitteln. Die Versorgung durch Lebensmittelkarten reichte bei Weitem nicht aus, um den Kalorienbedarf zu decken. Im Rahmen der „Brachlandaktion“ wurden die Bürger aufgefordert, auf ungenutzten Flächen Kartoffeln und Gemüse anzupflanzen, um sich selbst zusätzliche Nahrungsvorräte zu sichern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte sich auf dem verbleibenden Gelände des Ostra-Vorwerks zunächst eine Altstoff- und Verwertungsfabrik an, die später unter dem Namen SERO bekannt wurde.
VEB Bramsch
Um 1948 bemühte sich auch der Volkseigene Betrieb (VEB) Bramsch darum, sein Betriebsareal zu erweitern. Da das Gelände der ehemaligen Menagerie weitgehend unbebaut geblieben war, stellte es eine ideal geeignete Fläche für dieses Vorhaben dar. Nach zähen Verhandlungen erklärte sich die Landesregierung schließlich bereit, das benötigte Gebiet an den Betrieb zu verkaufen. Folglich wurde das Gelände inklusive eines Teils zur Erweiterung der Gleisanlagen an der Magdeburger Straße in Besitz genommen. Ein dreieckiges Grundstück im Bereich der ehemaligen Menagerie blieb dabei als Restfläche erhalten und grenzte direkt an das Ostra-Vorwerk an.
Im Herbst, nachdem die Kleingärtner ihre Ernte eingeholt hatten, begann der Bau einer neuen Gleisanlage. Doch die Arbeiten zogen sich bis ins Jahr 1953 hin.
Ende September 1953 wurde feierlich der Grundstein für einen neuen Belegschaftsraum auf dem Gelände der ehemaligen Menageriegärten gelegt. Der Bau dauerte ein Jahr und beinhaltete einen großen Speisesaal mit kleiner Bühne, Wirtschafts- und Küchenräume sowie eine kleine Kantine.
Das Belegschaftsgebäude wurde hinter einer Mauer errichtet, die früher die Eingangsstraße von der kurfürstlichen Wachsbleiche abschloss. Der Speisesaal in der Nähe der Kantine diente nicht nur dem Betrieb, sondern wurde auch für Veranstaltungen der Kleingartenanlage genutzt. Doch die Anlage sollte in den kommenden Jahren zugunsten neuer Projekte im Braunkohle-Bereich und für die TGL weichen. Teile des übrigen Geländes der ehemaligen Menagerie, die nicht für neue Betriebsbauten benötigt wurden, blieben zunächst den Kleingärtnern überlassen.
Pläne und Veränderungen
Früher war dort auch das beliebte Familienlokal „Milchgarten und Restaurant” samt Biergarten unter Bäumen zu finden, das vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Gäste anlockte.

Ebenfalls auf dem Gelände befand sich die Wirtschaft „Sommerfrische“, die als Spartenheim diente und sogar über eine Kegelbahn verfügte. Letztere wurde an Wochenenden durch kleine Vergnügungsgeschäfte wie Glücksräder ergänzt. Doch das Spartenheim fiel einem Brand zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut; das Gebäude der Kegelbahn ist jedoch weiterhin erhalten, wenn auch nicht mehr in Nutzung.
In den folgenden Jahren kam es zu weiteren Veränderungen: Die Spirituosenfabrik auf dem Gelände plante eine Erweiterung, der einige Kleingärten weichen mussten. 1959 wurden Pachtverträge für betroffene Gärtner gekündigt. Rund ein Jahrzehnt später, etwa 1969, gab es Pläne, einen Großteil der Menageriegärten aufzugeben, um Platz für den Bau eines Getränkekombinats zu schaffen. Die entsprechenden Baupläne waren fertiggestellt, und ein maßstabsgetreues Modell des Projekts stand zur Besichtigung im Speisesaal der Spirituosenfabrik bereit.
Die Umsetzung des Projekts bedeutete für viele Kleingärtner das Ende ihres geliebten Stückchens Grün. Mit viel Mühe errichtete Lauben wurden abgerissen, Zäune entfernt und die Oase der Ruhe zerstört. Zwar erhielten die Pächter eine geringe Entschädigung, doch schmerzte der Verlust viele tief. Während einige Gärtner neue Parzellen in anderen Anlagen suchten, blieben andere bis zum letzten Moment – und hatten mitunter Glück: Aufgrund von Problemen mit der Wasserqualität für die geplante Produktion von Selterswasser wurde das Kombinatsvorhaben schließlich aufgegeben.

Die noch vorhandenen Gärten wurden erneut kostenlos an Interessierte verteilt. Einige der ursprünglichen Pächter kehrten zurück und begannen von vorne. Neue Lauben wurden gebaut, Gärten bepflanzt und das Vereinsleben wiederbelebt. Die Gemeinschaft wuchs enger zusammen. Das Leben in den Gärten entwickelte sich zu einer kleinen Welt für sich: Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich – fehlten dem einen Ressourcen oder Werkzeuge, konnte er auf Nachbarn zählen. Kinder wuchsen in einem behüteten Umfeld auf, und Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Die „Gartenklause“ wurde zum sozialen Zentrum der Gemeinschaft. Hier organisierte die Volkssolidarität Obst- und Gemüseschauen sowie Weihnachtsfeiern für Rentner. Ein Jugendclub bot kulturelle Veranstaltungen an, und die Menageriegärten unterstützten aktiv das politische Leben des Stadtbezirks WBA 834 (Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front).
1989 „die Wende“
Plötzlich wurde die gesamte Gesellschaft auf eine harte Probe gestellt, als individuelle Anpassungen an eine neue Lebensrealität notwendig wurden.
Während einige Menschen die neu errungene Reisefreiheit auskosteten, genossen andere den nun unbegrenzten Zugang zu Konsumgütern, die zuvor unerreichbar gewesen waren.
Doch mit dieser Freiheit schlichen sich auch Neid und Unzufriedenheit ein. Arbeitslosigkeit griff um sich, und viele mussten erkennen, dass ihnen lediglich ihr kleiner Garten als Rückzugsort geblieben war. Die Öffnung der Mauer brachte nicht nur neue Möglichkeiten.
Über den idyllischen Kleingärten Sachsens zogen dunkle Wolken auf. Die Pachtzinsen kletterten in die Höhe, während finanzstarke Akteure und Investoren begannen, das Land der Kleingartenanlagen für sich beanspruchen zu wollen. Die Folge: Massenhafte Kündigungen von Parzellen, Räumungsbescheide und juristische Auseinandersetzungen um bestehende Pacht- und Nutzungsverträge.


Ein besonders gravierendes Ereignis traf die Mitglieder der Kleingartensparte „Menageriegärten e.V.“, als diese zum 30. November 1993 geschlossen wurde und alle Pächter ihre Verträge verloren. Der emotionale und materielle Schock war groß. Die ehemaligen Laubenbesitzer saßen verzweifelt in ihren Gärten, überwältigt von mangelnden finanziellen Ressourcen und psychischer Kraft, um von Neuem zu beginnen.
Doch aus dieser Notlage entwickelte sich ein beeindruckender gemeinschaftlicher Zusammenhalt. Die Mitglieder der Sparte verweigerten sich dem Schicksal und kämpften entschieden für ihre Rechte.
Durch gemeinsame Anstrengungen hielten sie die Anlage in Ordnung, organisierten Feste und schufen sogar einen Spielplatz für die jüngsten Gartenfreunde – alles durch Eigeninitiative und mit Mitteln aus privaten Ressourcen.


Im Verlauf ihrer Geschichte hat die Gartenanlage viel erlebt. Hochwasser haben das Gebiet wiederholt überflutet, wobei Bilder aus den Jahren 1958 und 2002 Zeugnis von den Schäden ablegen.
Das Vereinsheim
Ein Teil des Vereinsheimes soll Gerüchten zufolge einst August dem Starken als königliche Blumenbinderei gedient haben. Später wurde es als Scheune genutzt, dann als Schafstall, bevor es wieder umgebaut wurde. Der Zeitpunkt der Errichtung oder einzelner Modifizierungen des Gebäudes bleibt allerdings im Dunkeln.
In der Vergangenheit diente das Vereinsheim zeitweise als öffentliche Gaststätte; heute fungiert es ausschließlich als Zentrum des Vereinslebens. Unterteilt in den „Grünen Salon“, die „Kantine“ und einen „Freisitz“, ist es ein Ort für gesellige Zusammenkünfte wie Grillabende, Gartenfeste und Weihnachtsfeiern.
Ein überraschender Fund
In den Archiven des Vereins fand sich kürzlich ein außergewöhnlicher Fund: ein preußisches Faschinenmesser von 1864. Dieser Gegenstand wurde bei der Reinigung einer Klärgrube hinter dem Vereinsgebäude entdeckt und sorgte für lebhafte Spekulationen über seine Herkunft.


Wahrscheinlich hat es seinen Ursprung im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864, nach welchem Preußen Schleswig und Österreich Holstein verwaltete. Preußische Truppen besetzten später Holstein, woraufhin Österreich beim Deutschen Bund intervenierte, was schließlich zum Deutschen Krieg von 1866 führte. In Sachsen drangen preußische Truppen nahezu kampflos vor; die sächsische Armee hatte sich nach Böhmen zurückgezogen, um dort mit österreichischen Streitkräften zu fusionieren. Letztlich entschied das besser ausgerüstete Heereswesen Preußens in der Schlacht bei Königgrätz den Konflikt für sich. War es ein preußischer Soldat, der dieses Messer verlor? Oder brachte ein sächsischer Rückkehrer es als Trophäe heim? Wurde es vielleicht beim Graben entdeckt oder absichtlich entsorgt, um unliebsame Nachforschungen zu vermeiden? Diese Fragen werden vermutlich niemals beantwortet.
Im Hier und Heute
Heute liegen die Menageriegärten zwischen den zwei neuen Wohanlagen, auf der einen Seite entstand die Anlage rund um das Bramsch-Kontor und auf der Anderen ist jetzt die nagelneue Anlage „Ostravorwerk“.


Was viele aber nicht wissen, zum Kleingartenverein gehört auch der „Garten der Sinne“ an der Magdeburger Straße. Ein Kleinod für Bienen und andere Insekten, das öffentlich ist und besichtigt werden kann.
Wir gratulieren der KGV Menageriengärten e.V. zu ihrem 110 Jahrestag und hoffen das die Anlage nach vielen bewegten und aufregenden Jahren nun hoffnungsvoll in die nächsten 110 Jahre gehen kann.
Schöne Gartenparty Euch allen.
Quellen: schwarz weiß Bilder und Informationen „Chronik der Menageriegärten“
Wir danken dem Verein für die Bereitstellung der Unterlagen.
