Seit 5 Jahren gibt es nun schon den REWE in der Friedrichstraße. Wo früher die „Grüne Ecke“ war, wohnen und arbeiten jetzt Menschen und viele gehen hier einkaufen.
Wir haben uns mit Stefan Lamke in seinem Geschäft an der Friedrichstraße getroffen und einfach mal ein paar Fragen zum Jahrestag und der Friedrichstadt gestellt.

Stefan, fünf Jahre Rewe in der Friedrichstadt. Was ist hier anders als anderswo?
Sehr viel. Das Schöne ist: Es ist nicht so anonym wie in anderen Stadtteilen. Mit den Urfriedrichstädtern und den Familien entsteht ein tolles Miteinander. Wir haben viele Stammkunden, und das funktioniert hier sehr gut.
Die Friedrichstadt kann aber auch das Gegenteil sein: sehr anonym, mit Kunden, die sich nicht so gut benehmen wie die Stammkunden. Der Stadtteil ist ein Schmelztiegel aus lieben, netten Stammkunden und Personen, die wahrscheinlich nicht hier ansässig sind, sich aber schnell von der Friedrichstadt angezogen fühlen.
Bekommst du von der früheren Diskussion über die grüne Ecke noch etwas mit?
Nein, gar nichts mehr. Bei einigen Anwohnern könnte es durchaus noch ein Thema sein. Ganz am Anfang wurde das Gespräch mit mir gesucht, und ich kann die Diskussion gut verstehen. Wir können alle froh sein, dass es nicht beim ersten Entwurf mit Parkhaus geblieben ist. Ich wohne selbst hier im Stadtteil und hätte so einen Klotz auch blöd gefunden. Die jetzige Lösung ist ein guter Kompromiss.
Wieso?
Grünflächen sind wichtig, aber noch wichtiger finde ich, dass die „grüne Mitte“ als Innenhof, erhalten geblieben ist. Man muss es auch positiv sehen: Der Spielplatz und die Grünflächen sind sehr angenehm. Wenn ich sonntags kurz im Laden bin, sehe ich, wie viele Leute dort sind, ebenso nachmittags unter der Woche. Das ist vielleicht sogar eine deutliche Verbesserung gegenüber der Grünfläche von früher. Es hat eine schöne Aufenthaltsqualität.
Wusstest du, dass ehemals aktive Mitglieder der Bürgerinitiative jetzt bei dir einkaufen, obwohl sie anfangs dagegen waren?
Klar, das kann ich total verstehen. Und es spricht für die Friedrichstadt, dass man hier Rückhalt und Courage hat, aber auch mit Veränderungen gut leben kann.


Unterscheidet sich dein Angebot im Geschäft von dem anderer Standorte?
Rewe wirkt immer wie der böse Konzern mit den vier großen roten Buchstaben, aber so ist es nicht. Ich beschreibe mich eher als großen Tante-Emma-Laden. Ich bin selbstständig und darf selbst entscheiden, was ich führe und was nicht. Auf den ersten Blick wirkt Rewe wie ein Franchise, ist es aber nicht, denn beim Franchise hat man diese Freiheiten nicht. Wir nennen es Partnerschaftsmodell, und so wird es auch gelebt. Rewe ist grundsätzlich eine Genossenschaft, und das spiegelt sich in der täglichen Zusammenarbeit mit dem Konzern wider.
Deshalb können wir das Standardkonzept an den jeweiligen Stadtteil anpassen. In der Friedrichstadt gibt es viele junge Familien. Der Fleischkonsum ist nicht so hoch wie in anderen Stadtteilen, und wenn Fleisch gekauft wird, dann bitte Bio und gern am Wochenende, ebenso bei der Wurst. In diesen Punkten weichen wir vom Rewe-Standard ab, was mir viel Arbeit macht. Aber dafür ist man Händler: um am Ende den Kundenwunsch zu erfüllen. Und der ist hier definitiv ein anderer als in anderen Stadtteilen.
Eine Anekdote dazu: Anfang 2018 war ich Marktleiter in der Neustadt, und ich habe hier ein kleines Déjà-vu. Die Friedrichstadt erinnert mich an die Neustadt von früher, nur auf einem sehr angenehmen Niveau, was das Kaufverhalten angeht. Das sind gute Entwicklungen. Wir merken sie an den Umsätzen, aber auch an den Verlusten: Manche Warengruppen laufen extrem gut, bei anderen werfen wir nie etwas weg. Gerade beim Thema vegan beneiden uns andere.
Ich probiere an diesem Standort immer viel aus, um jeden Kundenwunsch zu erfüllen. Ob ein Experiment langfristig funktioniert, ist eine andere Frage.
Gab es in den letzten fünf Jahren ein besonderes Highlight?
Die vegane Theke war definitiv eines. Rewe hat getestet, an der herkömmlichen Fleischtheke erstmals vegane Produkte anzubieten. Das Projekt wurde zunächst von Rewe gesteuert, es gab bundesweit etwa 60 Testmärkte. Wir waren einer von wenigen im Osten, weil ich mich dafür eingesetzt habe. Mein Sturkopf hatte recht: Wir haben mit dieser Theke die national höchsten Umsätze erzielt, und das in der kleinen Friedrichstadt. Große Theken, zum Beispiel in Hamburg, machen normalerweise das Doppelte oder Dreifache unseres Umsatzes, aber hier ist vegan ein Riesenthema.
Wir haben damals viel Social-Media-Marketing betrieben. Sogar Leute aus Leipzig sind angereist, um sich das anzusehen, und wir hatten viel Presse. Langfristig war die Theke leider nicht mehr zu halten, weil der Industrie die Lieferanten fehlen, die vegane Artikel in der nötigen Qualität und Menge liefern können. Wir haben lange mit der veganen Fleischerei experimentiert, sind aber nie dort angekommen, wo wir hinwollten. Deshalb bieten wir sie jetzt wieder in der Selbstbedienung an. Den frei gewordenen Platz in der Theke haben wir nicht dem Fleisch gegeben, sondern dem Käse.
Wie viele Mitarbeiter hast du am Standort?
Knapp über 40, Tendenz wachsend. Wir reden ja über Digitalisierung: Seit Kurzem fährt hier ein Wischroboter seine Runden, von uns liebevoll „Helene Mischer“ genannt. Er bekommt auch noch lange blonde Haare aufgeklebt. Wir wollen ja Spaß haben.
Ist das nicht Personalabbau?
Das wirkt für viele nach Personalabbau, ist es aber nicht. Es kommen immer wieder neue Projekte und Ideen aus der Zentrale, für die wir Personal brauchen. Ein großes steht ab 1. Dezember an: Wir kooperieren mit Lieferando. Dann kann jeder in der Friedrichstadt und auch weiter weg schnell etwas nachbestellen, zum Beispiel einen vergessenen Eierkarton, und der Lieferando-Bote bringt ihn innerhalb von 45 Minuten nach Hause. Für die Kunden ist das praktisch, für uns eine Riesenherausforderung. Wir haben ein bisschen Angst, das gebe ich zu, aber wir haben Bock. Deshalb gibt es bei uns gar keine Chance, Personal einzusparen.
Wie hoch ist der Altersdurchschnitt in deinem Team?
29, für immer. Wenn du mich in zehn Jahren fragst, antworte ich auch noch 29. Ehrlich gesagt kenne ich die Statistik gerade nicht.

Wichtig finde ich eine Geschichte, die mir eine Mitarbeiterin kurz nach der Eröffnung erzählt hat. Sie war damals knapp unter oder über 50 und sagte der Job helfe ihr jung zu bleiben. Wir haben auch ältere Mitarbeiter, die genauso fit agieren wie wir Jüngeren. Alter ist Schall und Rauch und spielt bei uns keine Rolle. Das Team ist bunt gemischt, und im Kopf sind wir alle sehr jung.
Danke!
