Manchmal vergisst man ja, wer hier alles schon durch die Straßen gelaufen ist. Zwischen Werkstätten, Wohnhäusern und dem Krankenhaus Friedrichstadt wurde am 8. Februar 1876 eine Frau geboren, die die Kunstgeschichte ordentlich aufgemischt hat: Paula Modersohn-Becker. 2026 wäre sie 150 Jahre alt geworden. Grund genug, wieder genauer hinzuschauen.

Eine Dresdnerin mit Weltblick
Paula kam in Dresden-Friedrichstadt zur Welt, ihr Geburtshaus ist die Friedrichstraße 29, welche der heutigen Hausnummer 46 entspricht. Das ist heute die Kindertagesstätte „Kinderhaus Friedrichstraße 46“.
Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte sie hier, bevor die Familie nach Bremen zog. Der Vater Ingenieur, die Mutter aus thüringischem Adel. Sie war bürgerlich, gebildet, aber alles andere als künstlerisch-experimentell. Dass Paula trotzdem Malerin wurde, war kein Selbstläufer. Es war ein Eigensinn.
Worpswede war nur der Anfang
Als junge Frau zog es sie in die Künstlerkolonie Worpswede. Moor, Bauern, einfache Menschen, das wurde ihr Bildkosmos. Dort heiratete sie auch den Landschaftsmaler Otto Modersohn.
Doch die ländliche Idylle reichte ihr nicht. Paula wollte mehr. Mehr Reibung. Mehr Moderne.
Paris statt Postkartenidylle
Viermal reiste sie nach Paris. Dort studierte sie die Avantgarde, setzte sich mit Cézanne, Gauguin und van Gogh auseinander. Diese Erfahrungen veränderten ihre Kunst radikal. Vereinfachte Formen, klare Flächen, monumentale Figuren. Paula malte nicht gefällig. Sie malte ehrlich.
Damit wurde sie zur Wegbereiterin des Expressionismus, noch bevor die „Brücke“ in der Berliner Straße in Dresden überhaupt gegründet war.

Mut zur Unbequemlichkeit
Zu Paulas Zeit sollten Frauen hübsch malen. Blumen, Kinder, ein bisschen Gefühl. Paula machte das Gegenteil. Ihre Figuren wirken erdig, ernst, manchmal sperrig. Sie suchte das Wesenhafte, nicht das Schöne.
Berühmt – und berüchtigt – wurde sie auch als erste Frau weltweit, die ein nacktes Selbstbildnis malte. Schwanger. Ohne Beschönigung. Ein Paukenschlag, der bis heute nachwirkt.
Ein kurzes Leben
Paula Modersohn-Becker starb 1907, nur wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde. Sie wurde 31 Jahre alt. Ihr letzter überlieferter Satz: „Wie schade.“ Zu Lebzeiten war sie kaum anerkannt. Im 20. Jahrhundert wurde sie zunehmend als Pionierin der Moderne und als Ikone weiblicher Selbstbestimmung in der Kunst entdeckt. Einige Werke wurden 1937 in der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, was ihre Bedeutung für die Avantgarde rückblickend noch stärker markiert. Heute wird sie international gezeigt, etwa in großen Retrospektiven in Paris, New York, Chicago und an vielen deutschen Museen. Was bleibt, ist ein Werk, das weit größer ist als dieses kurze Leben.
Die großen Fragen des Lebens – Ausstellung im Albertinum
Aktuell ist Paula Modersohn-Becker in Dresden prominent im Albertinum zu sehen.
Die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“ bringt sie mit Edvard Munch zusammen. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) und Edvard Munch (1863–1944) sind zwei Ausnahmeerscheinungen in der Malerei des 20. Jahrhunderts.
Getroffen haben sich die beiden nie, aber sie verbindet viel. Beide suchten nach neuen Bildsprachen für existenzielle Themen wie Geburt, Liebe, Krankheit und Tod.
Die Schau zeigt, wie selbstbewusst Paula auf Augenhöhe mit einem der bekanntesten Künstler der Moderne arbeitet.
Tickets & Besuch – was du wissen solltest
Der Ausstellungsbesuch läuft über das Ticketsystem der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Tickets gibt es online und an den Museumskassen, in der Regel als Zeitfenster-Ticket. Bitte beachtet, dass die SKK gehackt wurde und es immer wieder zu Einschränkungen der Webseite kommen kann.
Laufzeit: 08.02.2026–31.05.2026
Öffnungszeiten Albertinum:
täglich 11–17 Uhr, Montag geschlossen
Donnerstag 11–20 Uhr
Warum sie uns heute noch angeht
Paula Modersohn-Becker war ihrer Zeit voraus. Als Künstlerin, als Frau und als Mensch mit Haltung. Dass sie ausgerechnet aus der Friedrichstadt stammt, macht die Sache für uns nur noch schöner.
150 Jahre nach ihrer Geburt steht sie endlich dort, wo sie hingehört: mitten in der Kunstgeschichte. Und mitten in Dresden.
